Führen und geführt werden – von künstlicher Intelligenz

Gastbeitrag von Peter Fischer, eurosysteam GmbH

Gruselige Faszination 

Dass sich der Einsatz von künstlicher Intelligenz (K.I.) in hohem Maß auf die Gestaltung unserer Arbeitswelten auswirken wird, wird seit vielen Jahren prognostiziert. Wie das dann aussehen wird, kann man sich noch immer kaum vorstellen. Eine gewisse Nebligkeit und eine Portion Grusel umgeben das Thema, denn K.I. ist für uns Menschen ein klassischer Science Fiction-Stoff. Geschichten dieses Genres zeigen seit Jahrzehnten, wie sich Menschen die Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz vorstellen. Leser*innen und Kino-Besucher*innen lässt das nicht kalt, denn in den meisten Geschichten müssen die Begegnungen zwischen K.I. und Mensch als mindestens problematisch bezeichnet werden. Es gibt oft Tote. Fast immer geht es um Macht und darum, dass von K.I. eine sehr reale Gefahr für den Menschen ausgeht. Ein paar der wichtigsten Filme zum Thema K.I., die in der populären Kultur auch durchaus meinungsbildend gewirkt haben, kennt praktisch jeder. 

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Im Jahr 1968, also vor weit über fünfzig Jahren, zeigt der Film “2001: A Space Odyssey”, den Board-Computer “HAL 9000”, der ein unberechenbares Eigenleben entwickelt. Im Jahr 1982 entwickeln die sogenannten Replikanten im Film “Blade Runner” mit ihrer K.I. eigene Gefühle und Ambitionen. Der Film “War Games” zeigt im Jahr 1983 wie eine K.I. mit Zugang zu Atomraketen fast die gesamte Menschheit auslöscht. Ab dem Jahr 1984 führt in den Filmen der Terminator-Reihe eine K.I. mit Namen “Skynet” einen veritablen Krieg gegen die Menschheit. In der Realität der “Matrix”-Filme (ab 1999) hat eine K.I. die Menschheit als Energie-Lieferanten versklavt. Roboter erlangen ein Bewusstsein und wenden sich gegen Menschen, sowohl 2004 im Film “I, Robot” als auch 2014 im Film “Ex Machina”. 

Und dann wäre da noch „her“, ein Film von 2013, inszeniert von Spike Jonze und mit Joaquin Phoenix in der Hauptrolle. Dieser Film erzählt die faszinierende Geschichte einer romantischen Beziehung zwischen einem Mann und einer weiblich erscheinenden K.I. Der Film wurde sehr zurecht mit einem Oscar für das beste Originaldrehbuch ausgezeichnet. Unbedingt anschauen!

Natürlich stecken hinter einigen der Filme entsprechende Bücher. Die Autoren William Gibson, Philip K. Dick, Isaac Asimov sollen hier stellvertretend als Pioniere für viele weitere erwähnt werden. Die Frage, wie realistisch die Szenarien dieser Geschichten sind, soll hier nicht diskutiert werden. Wichtig zu verstehen ist aber, dass es unter anderem durch besagte kulturelle Prägungen ein hohes Maß an Skepsis oder sogar Ablehnung gegenüber K.I. in der Gesellschaft gibt. 

Aber es gibt auch ein hohes Maß an Faszination und das hat mehrere Gründe. Menschen sehen natürlich das Potenzial zur Verbesserung. Künstliche Intelligenz gibt das Versprechen, viele Bereiche des Lebens weiterzuentwickeln, sei es in der Medizin, der Logistik, in der Mobilität und der Kommunikation. Die Aussicht auf effizientere, intelligentere Systeme weckt Begeisterung und Hoffnung auf Fortschritt. Auch eine erleichterte Mensch-Maschine-Interaktion ist eine große Hoffnung. Die Vorstellung, dass Maschinen menschenähnliche Fähigkeiten wie Sprachverständnis und Entscheidungsfindung entwickeln können und die Idee, mit Maschinen auf natürliche und intuitive Weise zu interagieren, ist faszinierend. Der bereits genannte Sci-Fi-Einfluss durch Filme und Bücher hat die Vorstellung von künstlicher Intelligenz als intelligentes Wesen geprägt. Diese Entwicklung jetzt, noch zu eigenen Lebzeiten Realität werden zu sehen, ist natürlich aufregend.

Last but not least: Menschen können es auch genießen, eine K.I. als Helfer oder sogar “Diener” zu haben. Die Idee, dass Maschinen repetitive oder mühsame Aufgaben übernehmen können, kann als Erleichterung empfunden werden und ein Gefühl von Macht geben. Die Automatisierung und Verfügbarkeit von technologischen Hilfsmitteln wie Haushaltsrobotern, virtuellen Assistenten oder smarten Geräten ermöglichen es den Menschen, Zeit und Energie vielleicht für andere Tätigkeiten oder Interessen zu nutzen. Das alles mit einer konsistenten und effizienten Leistung, ohne von Emotionen, Ermüdung oder anderen menschlichen Faktoren beeinflusst zu werden. “Faszinierend”, würde Spock sagen.

Insgesamt fasziniert K.I. die Menschen aufgrund ihrer Potenziale, Herausforderungen und ihrer Verbindung zu Science-Fiction-Konzepten. Die Aussicht auf intelligente Maschinen, die menschenähnliche Fähigkeiten besitzen, wirft zwar viele Fragen auf und beeinflusst unsere Vorstellung von Technologie und Zukunft. Selbst die bedrohlichen Seiten können anziehend wirken. Gruseln kann auch ein Genuss sein. 

K.I. als neuer Player im sozialen Gefüge

Dass als dies nun bald nicht mehr nur an Bord von Raumschiffen auf der Kinoleinwand, sondern auch in Büros oder im Home-Office passieren wird, wird spätestens mit dem Hype um ChatGPT sehr deutlich. Aber führt das jetzt zu einem sorglosen Leben oder zu einer versklavten Menschheit? Seit sich der Mensch mit Technik umgibt, treibt ihn auch die Frage um, wer in dieser Konstellation wem dient. Anscheinend ist uns die Frage nach Hierarchie, nach Oben und Unten, nach Führen und Folgen so wichtig, dass wir sie auch in diesem Kontext nicht ignorieren können.

Verbunden damit ist auch die Frage, wem eine Leistung gehört, die von einer Maschine erbracht wurde. Habe ich noch selbst etwas geleistet, wenn mir eine Maschine geholfen hat? Man fühlt sich an die Diskussionen der frühen 1980er Jahre erinnert, als die Taschenrechner Einzug in den Mathematik-Unterricht hielten. Heute würde niemand mehr anzweifeln, dass es bei Mathe noch immer eigenen Grips braucht, auch wenn man einen Taschenrechner hat. Aber ChatGPT einen Aufsatz schreiben lassen? Der Aufschrei hallt durch tausende Kilometer von Schulfluren.  

Technische Hilfsmittel haben die Arbeit schon immer verändert. Dadurch wurde schon immer langwieriges (manuelles, später auch geistiges) Arbeiten von einer Maschine übernommen. Immer mehr Jobs wandelten sich hin zum Bedienen oder Führen einer Maschine. Der “Maschinen-Führerschein” oder die Bezeichnung “Lokführer” sind Zeichen dafür. 

Wurden diese Veränderungen oft skeptisch beäugt? Natürlich. Wurden sie jemals langfristig aufgehalten? Nein. Die Geschichte lehrt uns außerdem, dass das Neue zwar das Alte reduziert, aber nie gänzlich ausgelöscht hat. Trotz Buchdruck gibt es noch Handschrift. Trotz Film gibt es noch Bücher. Trotz TV gibt es noch Kinos, trotz Streaming noch das gute alte Fernsehen. Na gut, die Videokassetten sind wohl weg. Aber trotz Internet gibt es noch Bibliotheken, trotz Social Media noch Partys, trotz Videokonferenzen noch Meetings. So wird es wohl auch mit der künstlichen Intelligenz sein. Das Alte wird erhalten und eventuell sogar nostalgisch aufgewertet. Vielleicht wird man schon in wenigen Jahren mit der gleichen Begeisterung, die man heute für einen handgeschriebenen Brief empfindet, freudig ausrufen: „Wow, er hat mir eine Mail geschrieben, die er selbst formuliert hat!“. Nun ja, hat er zumindest behauptet.

Doch zurück zum Thema Führung: Bislang war es immer so, dass man Maschinen instruieren, beauftragen oder mit einer Aufgabe versorgen muss. Tut man dies ohne Sinn und Verstand, wird einem auch das Resultat wenig nützen. Das gilt nicht erst seit der Ära der Computer, denn auch mit einem schlecht geführten Bagger kann man sehr enttäuschende Ergebnisse erzeugen.  

Führung ist zu wichtig, um sie Führungskräften zu überlassen

Es gibt große Gemeinsamkeiten zwischen dem Prompt-Writing, also dem Beauftragen einer K.I. und dem Delegieren von Aufgaben an Mitarbeitende, wie Führungskräfte es täglich tun. Zunächst einmal müssen die Anweisungen und Aufgaben sprachlich klar und präzise formuliert sein. Es muss ein gewisser Kontext erklärt werden. Das Ziel muss klar festgelegt werden, damit die ausgeführte Arbeit den Anforderungen entspricht und das gewünschte Ergebnis erzielt wird. Last but not least ist eine gewisse Flexibilität unerlässlich, denn das Ergebnis könnte anders sein, als das, was die Führungskraft selbst erstellt hätte. Das alles ist nicht immer einfach, erfordert Übung und kann unter dem Begriff “Delegieren” als eine wichtige Führungsfähigkeit gesehen werden. Das Beauftragen einer künstlichen Intelligenz braucht nun erfahrungsgemäß auch diese Führungsfähigkeit. Das Arbeiten mit einer K.I. ist also eine Art von Führung. 

Mitarbeitende in Unternehmen praktizieren dabei auch heute schon Formen von Führung: 

Das Führen von Themen und Projekten, die Selbstführung und die Einflussnahme in selbstorganisierten Teams, also kollegiale Führung sind schon heute einige Führungsaufgaben, denen sich niemand im Arbeitsleben entziehen kann. Da davon auszugehen ist, dass in wenigen Monaten alle kognitiv arbeitenden Menschen auch mit K.I.-Anwendungen arbeiten werden, bleibt die Aufgabe “Führung” also nochmal weniger den Führungskräften vorbehalten. 

Bernd Oestereich hat mit dem Satz “Führung ist zu wichtig, um sie Führungskräften zu überlassen” zwar eine andere Richtung eingeschlagen und das Prinzip der kollegialen Führung vorgestellt, doch gilt der Satz in Zeichen von K.I. nur umso mehr. 

Kollegiale Führung ist nach Bernd Oestereich gekennzeichnet durch eine dynamische und dezentrale Verteilung der Führungsverantwortung unter vielen Teammitgliedern, im Gegensatz zur zentralisierten Führung durch eine Handvoll ausgewählter Führungskräfte. Auch für ihn ist klar, dass Führung in einem Unternehmen unverzichtbar ist. Aber die Aufgabe der Führung sollte in seinem neuen Verständnis nicht nur in den Händen von wenigen liegen, sondern als „Führungsarbeit“ von vielen Menschen übernommen werden. 

Mit der neuen Verfügbarkeit von K.I. ist nun noch viel mehr Führungsarbeit zu leisten. Das schaffen Führungskräfte gar nicht alleine. Wie sich das Führen von künstlicher Intelligenz anfühlt, weiß jeder, der schon mal mit ChatGPT oder Midjourney gearbeitet hat. Ein kleines Szenario dazu: Stellen Sie sich vor, Sie übergeben als Führungskraft eine Aufgabe an eine Person aus Ihrem Team. Für das Erklären der Aufgabe brauchen sie ein paar Minuten. Nachdem alles geklärt ist, verlässt die Person den Raum mit der Zusage, sich jetzt darum zu kümmern, kommt aber nach nur fünf Sekunden wieder herein und – ist fertig!  Das Ergebnis ist zwar nicht perfekt, aber solide und gut. Ihre Mitarbeiterin / ihr Mitarbeiter lächelt und fragt sie nach weiteren Wünschen. Auch die nächste Aufgabe wird in Sekunden erledigt. So geht das den ganzen Tag. Wie sieht dann Ihr Arbeitstag aus? Ist das dann ein Fluch oder ein Segen?

Kann K.I. auch Führung? 

Nun kann man aber auch noch einen Schritt weiter denken. Wenn doch so viel Führungsarbeit zu tun ist, kann man die dann nicht auch an eine K.I. delegieren? 

Wenn “Artificial Intelligence” also Führungsaufgaben übernimmt, könnte man dann nicht konsequenterweise von “Artificial Leadership” sprechen? Der Begriff bezieht sich dann also auf die Verwendung von K.I. für Führungsaufgaben, oder – noch radikaler gedacht – in Führungspositionen. My boss is an A.I.

Experten gehen davon aus, dass sich K.I. rasant weiterentwickeln und dazu beitragen wird, dass Unternehmen noch schnellere und bessere Entscheidungen treffen können. Aber können Sie auch “Führung” in einem ganzheitlichen Sinne? 

Einige Einsatzfelder zeichnen sich bereits ab: K.I. übernimmt die Automatisierung von Arbeitsprozessen. Das ist nicht zufällig die “erste Ebene”, da dies natürlich schon seit vielen Jahren praktiziert wird. K.I. bildet also die logische Fortsetzung der großen Digitalisierungs-Evolution. Durch die Analyse großer Datenmengen kann K.I. Trends und Muster identifizieren, die für Führungskräfte oft schwer zu erkennen sind.

Dies kann dazu beitragen, fundiertere Entscheidungen zu treffen und Risiken besser zu bewerten. Aber werden Führungskräfte die Bescheidenheit oder sogar Demut haben, sich in ihren Entscheidungen von Artificial Leadership führen zu lassen? Gerade weil wir Menschen eine Intuition haben, die uns vielleicht in eine andere Richtung drängt. Wird es Führungskräfte geben, die es ihren Mitarbeitenden freistellen, ob sie sich in einem bestimmten Thema nach wie vor von Ihnen oder von einer K.I. führen lassen wollen?

K.I. kann aber auch helfen, Führungskräfte dabei zu unterstützen, ihre Mitarbeiter besser zu verstehen und individueller zu führen. Durch die Analyse von Daten wie Mitarbeiterleistungen und -feedback können K.I.-Systeme Empfehlungen für Schulungen und Entwicklungsprogramme geben, um Mitarbeiter zu fördern und ihre Fähigkeiten zu verbessern. Jetzt wird es langsam wirklich aufregend. Hand auf´s Herz: Wer ist gerade nicht zusammen gezuckt? Natürlich sind Datenschutz und Betriebsvereinbarungen zu achten. Natürlich sind auch Empathie und Intuition auch hier wichtige Ressourcen in der Personalentwicklung. Aber sind wir mal ehrlich: Menschen können auch furchtbar falsch liegen oder sogar absichtlich falsch handeln, wenn sie jemandem das Weiterkommen nicht gönnen.

Artificial Leadership als ganzheitliche Führungskraft

Das ist noch ein bisschen Zukunfts-Musik, aber man kann sie schon hören. Es gibt bereits einige Beispiele von Unternehmen, die K.I. als Führungskraft einsetzen. So werden beispielsweise K.I.-Systeme entwickelt, die als Chief Medical Officer in Krankenhäusern arbeiten. Die Systeme überwachen die Patienten und erstellen Empfehlungen für die Behandlung. Das portugiesisches Start-Up “AIsthetic” wählte ChatGPT zu seinem CEO und hatte damit sensationellen Erfolg. Die komplette Geschichte mit Auszügen aus den Chat-Protokollen mit der KI kann man bei Yourstory nachlesen.

Wie sieht also die Zukunft von Artificial Leadership aus? Es ist schwer vorherzusagen, ob sich K.I.-Anwendungen in Zukunft nur schnell oder rasant oder sogar extrem rasant weiterentwickeln werden. So langsam wie heute entwickelt sie sich aber nie wieder. Unternehmen und ihre Manager müssen sich also darauf einstellen, dass die Weiterentwicklung von K.I. die Rolle von Führungskräften massiv in Frage stellen wird. So könnten KI-Systeme in Zukunft noch komplexere Aufgaben übernehmen, wie beispielsweise die Entwicklung von Strategien oder das empathische Führen von Menschen, die sich dadurch sogar besser verstanden fühlen. K.I. wird menschliche Aktionen und Emotionen immer besser verstehen und darauf reagieren können. Schon heute kann ChatGPT nettere, freundlichere, empathischere E-Mails formulieren, als viele Führungskräfte in deutschen Unternehmen, denen dazu Haltung oder Fähigkeit fehlt.

Thinking outside Pandoras box

Sicherheit, Ethik und Verantwortung sind Herkulesaufgaben, die zu bewältigen sind. Auch die Vermeidung von Diskriminierungen muss gewährleistet werden. Das Verrückte ist jedoch, dass Maschinen heute schon deutlich schneller lernen und schneller ihr Verhalten ändern können als Menschen. Um Führungskräften für Anti-Diskriminierung zu sensiblisieren braucht man viele Trainings, viel Übung und viel Zeit. Eine K.I. wird das schneller begreifen und umsetzen. Der größte Fehler aber ist, zu denken, dass wir Menschen besser denken können, bzw. selbst frei von Fehlern und Fehleinschätzungen sind. Psychologen haben inzwischen fast fünfzig Denkfehler (sogenannte “cognitive biases”) identifiziert und katalogisiert. Zu denken, man könne besser denken als alle anderen, ist einer davon.

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Vielleicht sind also hybride Formen von Zusammenarbeit von KI-Systemen und menschlichen Führungskräften denkbar und auch diese neue Schnittstelle wird die klassischen Vorstellungen von Hierarchie noch mal kräftig durchschütteln. Sicher ist nur, dass Führungskräfte in naher Zukunft von K.I. herausgefordert, verändert, entlastet und in Teilen auch überflüssig gemacht werden. Artificial Leadership hat das Potenzial, Unternehmen effektiver und effizienter zu machen und darauf werden sie nicht verzichten. 

Aber wie werden die Menschen darauf reagieren, von einer K.I. geführt zu werden?

Das ist natürlich nicht vorhersehbar, denn es hängt vermutlich von vielen Faktoren ab, wie beispielsweise der Art der Arbeit, der Kultur des Unternehmens und der Persönlichkeit der Mitarbeiter.

Naheliegend ist, dass viele Menschen sehr skeptisch oder besorgt wären, ein Artificial-Leadership-System als Chef zu bekommen. Die Bedenken, dass K.I. grundsätzlich das Potenzial hat, menschliche Arbeitsplätze zu ersetzen oder unangemessene Entscheidungen zu treffen, wurde bereits in einer Vielzahl von Befragungen und Studien nachgewiesen. Gleiches gilt für die Bedenken, dass KI-Systeme nicht in der Lage sind, menschliche Bedürfnisse und Emotionen zu berücksichtigen.

Einige Menschen könnten aber durchaus positiv auf eine Führung durch K.I. reagieren, da diese möglicherweise als erreichbarer, verlässlicher, kompetenter, schneller, fairer oder weniger arrogant empfunden wird. Wer schon mal das Gefühl hatte, von der eigenen Führungskraft unfair behandelt oder ignoriert worden zu sein, kann das vielleicht nachempfinden. Wenn entsprechend trainiert, können KI-Systeme bald bessere Entscheidungen treffen und dadurch möglicherweise eine höhere Objektivität aufweisen als menschliche Führungskräfte, die manchmal von Vorurteilen oder persönlichen Präferenzen beeinflusst sind. 

So oder so: Es rollt ein gigantischer Bedarf an Transformation Management auf Unternehmen zu. Die Diskussionen der letzten Jahre über das Home Office waren ein Kindergeburtstag dagegen. Sorgen, Ängste, Erwartungen, technische Möglichkeiten, juristische Belange müssen besprochen werden. Mitarbeiter*innen und Führungskräfte müssen auf die Verwendung von KI-Systemen als Support- und Führungsinstrumente vorbereitet und geschult werden. Beziehungen, Rollen, Erwartungen und Organisations-Formen müssen in den nächsten Jahren (oder schon Monaten) völlig neu verhandelt werden.

Der Selbstversuch 

Was im Bereich “artificial leadership” möglich ist und welche Führungsaufgaben K.I. nun tatsächlich übernehmen kann, will ich nun nach den oben genannten Hinweisen in einem Selbstversuch erforschen. Einen Monat lang will ich mich komplett von ChatGPT führen lassen. Seit zwanzig Jahren beschäftige ich mich beruflich mit dem Thema Führung als Ausbilder von Führungskräften und als Organisationsberater. Ich habe selbst Führungserfahrung und bin wie die meisten Menschen auch schon geführt worden. 

Mal gut, mal weniger gut.

Meine Herangehensweise ist dabei weder technisch noch wissenschaftlich, sondern Anwendungsorientiert. Was geht, was geht nicht und wie fühlt es sich an.

Ich werde durch entsprechende Fragen versuchen, ChatGPT in eine Führungsrolle zu bekommen. Eventuell nutze ich auch die neuen Funktionen von Microsoft Teams Premium. 

Ob ich es schaffe, das mir ein Tool Aufgaben gibt? In einem täglichen, etwa 2-minütigen Video möchte ich davon berichten. Diese Berichte sollen beleuchten, was ich versucht habe, was ich erreicht habe, aber eben auch, wie es mich emotional berührt. Sich nicht immer bierernst, aber immer mit einer großen Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit.

Seit Anfang Mai läuft die Suche nach Medien-Partnern und Mitgliedern für ein eventuell einzurichtendes Sounding-Board (ähnlich einem Beirat). Anfang Juni werden wir beginnen, das Konzept zu verfeinern, Datenschutzfragen zu klären und Risiken zu bewerten. Ab etwa dem 20.06.2023 beginnen dann konkrete Vorbereitungen, in denen die künstliche Intelligenz mit Informationen versorgt und auf unser Geschäftsmodell trainiert wird.

Der 10. Juli ist als Starttermin vorgesehen. Sollte die Vorbereitung aber gezeigt haben, dass es große Sicherheitsbedenken oder berechtigte Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Vorhabens gibt, kann hier das Projekt auch noch abgebrochen werden. Streng genommen kann das an jedem einzelnen Tag entschieden werden. Insbesondere bei einem Half-Time-Review wird aber noch einmal geprüft, ob es sinnvoll ist, weiter zu machen. Am 10.08. wird das Experiment aber auf jeden Fall beendet und es startet eine Auswertungsphase, die mit einem kurzen Erfahrungsbericht abschließt. Wenn im September dann die Menschheit versklavt wird, können Sie es mir in die Schuhe schieben.

Führen und geführt werden – von künstlicher Intelligenz

Wer das Projekt mitverfolgen will, kann dies online tun unter:

bit.ly/artificial-leadership

Über den Autor:

Peter Fischer ist Geschäftsführer von eurosysteam. Er ist Berater im Bereich New Work, Organisationsentwicklung, Transformation und Digitalisierung und Ausbilder von Top-Führungskräften für große internationale Unternehmen. 

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